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«Reise von München nach Genua» in German

Book Reise von München nach Genua in German

Reise von München nach Genua

4.52 votes
Author
Pages:
97
Reading time:
4 hours
Genres
Prose
Originally published
1828
Original language
German

Table of contents

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Reise von München nach Genua: read the book in the original

Kapitel I

Ich bin der höflichste Mensch von der Welt. Ich tue mir was darauf zugute, niemals grob gewesen zu sein auf dieser Erde, wo es so viele unerträgliche Schlingel gibt, die sich zu einem hinsetzen und ihre Leiden erzählen oder gar ihre Verse deklamieren; mit wahrhaft christlicher Geduld habe ich immer solche Misere ruhig angehört, ohne nur durch eine Miene zu verraten, wie sehr sich meine Seele ennuierte. Gleich einem büßenden Brahminen, der seinen Leib dem Ungeziefer preisgibt, damit auch diese Gottesgeschöpfe sich sättigen, habe ich dem fatalsten Menschengeschmeiß oft tagelang standgehalten und ruhig zugehört, und meine inneren Seufzer vernahm nur Er, der die Tugend belohnt.
Aber auch die Lebensklugheit gebietet uns höflich zu sein, und nicht verdrießlich zu schweigen, oder gar Verdrießliches zu erwidern, wenn irgendein schwammiger Kommerzienrat oder dürrer Käsekrämer sich zu uns setzt, und ein allgemein europäisches Gespräch anfängt mit den Worten: "Es ist heute eine schöne Witterung." Man kann nicht wissen, wie man mit einem solchen Philister wieder zusammentrifft, und er kann es uns dann bitter eintränken, daß wir nicht höflich geantwortet: "Die Witterung ist sehr schön." Es kann sich sogar fügen, lieber Leser, daß du zu Kassel an der Table d'Hôte neben besagtem Philister zu sitzen kömmst, und zwar an seine linke Seite, und er ist just der Mann, der die Schüssel mit braunen Karpfen vor sich stehen hat und lustig austeilt; - hat er nun eine alte Pike auf dich, dann reicht er die Teller immer rechtsherum, so daß auch nicht das kleinste Schwanzstückchen für dich übrigbleibt. Denn ach! du bist just der dreizehnte bei Tisch, welches immer bedenklich ist, wenn man links neben dem Trancheur sitzt, und die Teller rechts herumgereicht werden. Und keine Karpfen bekommen, ist ein großes Übel; nächst dem Verlust der Nationalkokarde vielleicht das größte. Der Philister, der dir dieses Übel bereitet, verhöhnt dich noch obendrein, und offeriert dir die Lorbeeren, die in der braunen Soße liegengeblieben; - ach! was helfen einem alle Lorbeeren, wenn keine Karpfen dabei sind! - und der Philister blinzelt dann mit den Äuglein, und kichert und lispelt: "Es ist heute eine schöne Witterung."
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